"Warum ich nicht beleidigt bin"


- offener Brief an Amelia (A. Knappe) von March

Liebe Amelia,

einigermaßen erstaunt war ich bei der Lektüre Deines Contra-Kommentars zur Lustschmerz "Redaktions-Laudatio" auf Alice Schwarzer. Du hast Deinem Kommentar den Titel "Alice Schwarzer und die (beleidigten) Frauen" gegeben. Nun stellt sich mir folgende Frage: Sind jene, die Alice Schwarzer kritisieren, Beleidigte?

Ich kritisiere Alice Schwarzers Aussagen über Sadomasochismus. Ich bin Sadomasochistin. Ich bin Masochistin und als solche, laut Alice Schwarzer, eine Kollaborateurin des Patriarchats. Beleidigt mich Alice Schwarzers Urteil über den weiblichen Masochismus? - Nein.

Nein, Frau Schwarzer beleidigt mich nicht. Trotzdem sträuben sich meine Nackenhaare, wenn ich mit ihren Aussagen über den Sadomasochismus konfrontiert werde. Warum? Was macht Frau Schwarzer, das mich nicht beleidigt, aber trotzdem trifft?

Alice Schwarzer diskriminiert mich. Zumindest tragen die Aussagen der Herausgeberin der vermutlich einflussreichsten deutschsprachigen, feministischen Zeitschrift zu meiner Diskriminierung bei. Eine Kollaborateurin des Patriarchats kann logischerweise keine Feministin sein, denn man kann nicht mit einem ungerechten und unterdrückenden System kollaborieren und gleichzeitig gegen eben dieses System arbeiten.

Mit ihrer Aussage über den weiblichen Masochismus bezeichnet mich Alice Schwarzer als Kollaborateurin des Patriarchats. Ich kann also keine Feministin sein und bin somit aus dem feministischen Diskurs ausgeschlossen, das heißt: meine Aussagen gelten aufgrund meiner sexuellen Vorlieben als anti-feministisch, meine Stimme wird nicht gehört (vor allem in jenen feministischen Kreisen, in denen die Aussagen von Alice Schwarzer Gewicht haben).

Insofern sind Alice Schwarzers Aussagen über den Sadomasochismus nicht einfach nur ein Nichtverstehen oder ein Urteil über mich - es ist Diskriminierung.

Und so wie ich mich gegen Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts zur Wehr setze, wehre ich mich auch gegen Diskriminierung aufgrund meiner Sexualität.

Amelia, Du schreibst, dass Du Dich gerne von Alice Schwarzer nicht verstehen oder gar verurteilen lässt, wenn Du dadurch dazu beitragen kannst, dass anderen Frauen und Männern Missbrauch erspart bleibt. Ich lasse mich nicht gerne diskriminieren. Meine Diskriminierung erspart niemanden etwas - im Gegenteil: die Diskriminierung von SadomasochistInnen unterstützt das Patriarchat.

Wenn FeministInnen wegen ihrer Sexualität stumm gemacht werden, also alle ihre Aussagen als anti-feministisch aus dem feministischen Diskurs ausgeschlossen werden, und den sadomasochistischen FeministInnen ihr Feminismus abgesprochen wird, schwächt das den Feminismus. ... Und je schwächer der Feminismus desto länger können patriarchale Strukturen weitertradiert werden.

Amelia, Du bringst zwei Argumente, die Deine These, dass Alice Schwarzers Unverständnis und Ihre Verurteilung von SadomasochistInnen, anderen Frauen und Männern den Missbrauch erspart, untermauern soll:

1. Ein vermuteter negativer Einfluss sadomasochistischer Pornographie auf die Gesellschaft, vor allem auf "jugendliche, noch formbare Männer", insbesondere ein vermuteter ursächlicher Zusammenhang zwischen sadomasochistischer Pornographie und Sexualverbrechen.

2. Ein von Dir in Deinem Umfeld beobachtetes Naheverhältnis von Missbrauch und Sadomasochismus.

Ad Punkt 1: Ich bin nicht der Ansicht, dass die Vermutung eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen sadomasochistischer Pornographie und Sexualverbrechen eine ausreichende Begründung für ein Verbot von BDSM-Pornographie ist, denn es ist ungewiss (und ich bezweifle), ob damit jemandem geholfen wäre. Aber es ist sicher, dass damit die Möglichkeiten der Selbstdarstellung von SadomasochistInnen und die mediale Infrastruktur der sogenannten "BDSM-Szene" stark beeinträchtigt würden. Eine solche Beeinträchtigung halte ich nicht nur aus sadomasochistischer, sondern auch aus feministischer Sicht für nicht wünschenswert.

Denn auch Frauen haben Interesse an sadomasochistischer Pornographie (sowohl als Produzentinnen als auch als Rezipientinnen). Pornographie ist meiner Meinung nach ein spezieller Diskurs in dem Sexualität auf fiktionaler Ebene thematisiert wird. Würde BDSM-Pornographie verboten, stünde dieser Diskurs auch den Frauen nicht mehr zur Verfügung. Da aber in unserer Gesellschaft auch der Sexualität ein hierarchisches Rollenverständnis inhärent ist (die Sexualität von Frauen wird oft als sanfter, liebevoller, zärtlicher usw. als die Sexualität der Männer angesehen) sehe ich in der von Frauen produzierten und/oder rezipierten sadomasochistischen Pornographie eine Möglichkeit sich von diesem hierarchischen Rollenverständnis zu emanzipieren und neue Verständnismöglichkeiten von Sexualität zu entwickeln. Ein Verbot von BDSM-Pornographie würde diese Emanzipationsmöglichkeit unterbinden … und somit eine Weitertradierung des patriarchalen Verständnisses der weiblichen Sexualität als sanfter, zärtlicher, weniger begehrend, weniger auf die eigene Lust bedacht, gegensätzlich zur männlichen Sexualität usw. begünstigen.

Ad Punkt 2: Im Gegensatz zu Dir, Amelia, kenne ich kaum weibliche Subs, die "eine Geschichte des Missbrauchs mit sich herumtragen". Insofern haben wir also beide unterschiedliche Bekanntschaften gemacht und ich denke von keinem unserer Bekanntenkreise lässt sich auf die Allgemeinheit schließen. Doch Deine Erfahrung, dass die meisten BDSM-Menschen, die Du kennst, früher oder später an die Frage stoßen, ob sie nun gerade missbraucht werden, kenne auch ich teilweise aus meinem Umfeld. Ich kenne die Situation (aus eigener Erfahrung und aus Gesprächen), in denen man sich fragt, ob man das, was man tut oder mit sich tun lässt, eigentlich wirklich will - allerdings nicht nur aus der "Szene" sondern auch aus meiner "Vanilla-Umwelt".

Ich denke, dass subtile psychologische Manipulationen und das Gefühl von seiner/seinem PartnerIn nur zu deren/dessen Lustgewinn benützt worden zu sein kein spezifisch sadomasochistisches Problem sind. Ja, BDSM beinhaltet einige Aspekte, die dieses Problem verschärfen können, aber BDSM beinhaltet auch einige Aspekte, die zur Lösung dieses Problem sehr viel beitragen können. Wenn also die Lösungsmöglichkeiten für BDSM-spezifische Aspekte des "Manipuliert-und-mißbraucht-werden-Problems" im Sadomasochismus selbst zu finden sind, dann verstehe ich nicht, wie das Missverstehen, das Verurteilen und Diskriminieren von SadomasochistInnen irgendjemanden vor Missbrauch schützen soll.

Ich habe eher Bedenken, dass das Missverstehen, das Verurteilen und das Diskriminieren von BDSM-lerInnen dazu führt, dass die sadomasochistischen Missbrauchsopfer sich in einer problematischeren Situation befinden als nicht-sadomasochistische Missbrauchsopfer - wenn sich z.B. misshandelte Sadomasochistinnen nicht ins Frauenhaus trauen, weil sie fürchten dort missverstanden, verurteilt und diskriminiert zu werden.

Amelia, Du sprichst viele problematische Punkte an und ich bin durchaus der Ansicht, dass diese Punkte thematisiert werden müssen und ich stimme mit Dir überein, dass die BDSM-Welt nicht "überall heil" ist. Aber ich denke, dass eine simplifizierende Abkanzlung und plakative Verurteilung des Sadomasochismus (wie die Aussagen von Alice Schwarzer) kontraproduktiv sind und niemanden helfen.

Liebe Grüße, March

Fußnote: "Weiblicher Masochismus ist Kollaboration!" (im Krieg mit dem männlichen Feind) Alice Schwarzer in "Emma" 1991/2

 

 
Best of Toys!
Suspension für Geniesser: Geniale Ledermaske, komplett geschlossen, mit Knebel, Schnürverschluß, in tiefschwarz. Besonders aufwendig gearbeitete Ausführung, mit separat abnehmbaren Klappen für Augen und Mund. Mundstück mit Gummiknebel (bißfest). Integriertes, verstellbares Lederhalsband mit Schloßsicherung (Schloß im Lieferumfang enthalten).  >>
Spacer
Dr.SMommer Team
Was Ihr schon immer von uns wissen wolltet, aber kaum zu fragen wagtet.... wir freuen uns auf Eure sinnigen und unsinnigen, konkreten und allgemeinen, amüsanten und bösen Leserbriefe rund um LS und SM. Wir werden sie ebenso charmant, provokant und humorig ONLINE beantworten. Also ran an die Tasten und fragt was das Zeug hält, - beim Dr.SMommer Team werden Sie geholfen. >>
Spacer
Neu & lesenwert
Sie, eine junge, erfolgreiche Innenarchitektin, begegnet in der Mittagspause ihm: einem eleganten, wohlhabenden Fremden, der sie verwirrt und gleichermaßen fasziniert. Als er sie zu sich bittet, zögert sie zuerst, aber ihre Neugier ist stärker. Sie lässt sich auf ihn ein und gerät in eine neue, aufregende Gefühlswelt.In immer intensiver werdenden raffinierten Ritualen wird sie in ihr unbekannte erotische Sphären eingeführt. Ein neuer Roman von Ambiente, erhältlich im LS Online Shop! >>
Spacer
 

[ Home | Impressum | Kontakt | Media-Daten ]
© Das Copyright für sämtliche Inhalte dieses Magazins liegt bei LustSchmerz Hamburg oder den Autoren.
Jegliche Verwendung von Texten bedarf einer schriftlichen Genehmigung.

LustSchmerz Community LustSchmerz Shopping Home