Spacer xplore 10 ! 23.7.-25.7.2010
"xplore" ist eine dreitägige (23.-25.7.) Veranstaltung zu Kreativer Sexualität, BDSM, Performance und Ritual in Berlin. Sie bietet über 40 Workshops, Demonstrationen und Performances zu verschiedenen Spielarten und Aspekten von Sexualität. Die xplore geht 2010 ins siebte Jahr und besinnt sich auf ihr ursprüngliches Motto „Die Kunst der Lust“ aber auch die „Lust an der Kunst“. http://www.xplore-berlin.de/

 

 

 

 



Let’s play!
Ein Plädoyer für die Langsamkeit

In meiner langen Historie als einschlägig Praktizierende ist mir an Spielangeboten ja schon vieles untergekommen: Amüsantes, Erotisches, Spannendes, Geiles, Interessantes... die ganze Palette eben, die ja teilweise auch in den Lesermails nachzulesen ist. So schmeichelhaft es so manche(m) vielleicht auch erscheinen mag, zum Objekt fremder Begierden erwählt zu werden – dieses Vergnügen ist in vielen Fällen ein äußerst zweifelhaftes. Zum Beispiel dann, wenn mitsamt der Tür ins Haus gefallen wird.


Aber der Reihe nach: Zunächst fällt auf, dass die Wege der Annäherung zwischen zwei potenziellen Sexualpartnern in BDSM-Kreisen anderen Gesetzen folgen als im „normalen Leben“. Oder fragen sich Vanillas auch direkt nach ihren sexuellen Vorlieben und ihrer gegenseitigen Spielbereitschaft, um dann gleich ans Eingemachte zu gehen oder einen Termin für das Ausleben der besprochenen Lieblingsqualen zu vereinbaren – und das oft schon nach kurzer Bekanntschaft? Meiner Erfahrung nach nicht. Angebandelt wird in der „Szene“ so gut wie immer unverblümter, unumwundener und schneller als das bei Vanilla-Beteiligten der Fall wäre. Dieses Vorgehen hat sicherlich gewisse Vor-, aber auch einige gravierende Nachteile.

Einige Vorteile wären zum Beispiel: dass man/frau relativ bald weiß, woran man ist. Dass man seine Bedürfnisse frei von der Leber weg äußern kann und sich damit einiges an möglichen psychischen Folgeschäden permanent unterdrückter Wünsche ersparen kann. Dass man schnell zur Sache kommen und sich das lästige Geplänkel vorher weitgehend ersparen kann. Dass man sich als Wegbereiter eines offeneren Umgangs mit dem Thema Sexualität fühlen kann.


Einer der Nachteile liegt zum Beispiel darin, dass man (eigentlich meistens: frau) sich „überfallen“ vorkommen kann – und allein schon deshalb eine abschlägige Antwort erteilt. So geschehen bei einem Szene-Pärchen, das ich noch dazu in einem völlig anderen („unverdächtigen“) Zusammenhang kennen gelernt hatte. Er – seit Jahren einschlägig im Netz unterwegs und daher über mein Alter ego bestens unterrichtet – hatte echt nichts Besseres zu tun, als mir permanent seine (durchaus ansehnliche und liebreizende, aber mir ansonsten doch ziemlich fremde) Frau anzudienen: „Los, spiel doch mit ihr, ich leih sie dir!“ (Unausgesprochener Zusatz: „Aber natürlich will ich mitmischen und auch was davon haben.“) Nachdem die Beste nicht viel mehr zum Verlauf des Treffens beizutragen hatte als ihr nettes Lächeln und kaum andere Gesprächsthemen außer dem, warum ich (noch?) nicht mit ihr spielen wollte, durchzubringen waren, habe ich den Kontakt zu den beiden letztlich abgebrochen. Es ist mir echt zu blöd, mich mit ansonsten vielleicht durchaus netten Leuten permanent über Ja/Nein/Warum-nicht?-Sessions zu unterhalten. Es gibt auch andere Gesprächsthemen, selbst unter BDSMlern (hab ich mir sagen lassen...).

Nach mehreren solchen Erfahrungen habe ich streckenweise immer wieder echt die Nase voll von Szene-Ereignissen, auf denen es zugeht wie am Viehmarkt. Und ich bin nicht die einzige, der es auf die Nerven geht, mit jedem Blickkontakt eine geile Anfrage geschickt zu bekommen.

Irgendwie herrscht in weiten BDSM-Kreisen die unsägliche Unsitte, alle Leute, denen man begegnet, mal in erster Linie als potenzielle Spielpartner zu betrachten. (Erst in zweiter Linie sind sie dann mögliche Partygesprächspartner, Bekannte oder Freunde.) Daher werden dann auch Menschen, die man kaum kennt, völlig ungeniert und frei von jeglichem Gespür für die richtige Distanz gefragt, ob man miteinander spielen wolle. Manchmal folgt dann sogar noch eine beleidigte Reaktion, wenn man meint, es sei zu früh oder man hätte (derzeit) kein Interesse.


Nur damit mich keiner falsch versteht:
Ich weiß, dass solche Anfragen meistens überhaupt nicht böse und/oder zudringlich gemeint sind (zudringlich sind sie aber in vielen Fällen trotzdem).

Ich weiß, dass frau/man sich bei so etwas auch einfach nur geehrt fühlen könnte. Und ich weiß, dass es vielen Menschen durchaus gesund anstehen würde, wenn sie ihre Bedürfnisse öfter mal offen aussprechen würden, um sich von so mancher Verklemmung zu befreien. Was daran dann trotzdem so nervend ist? Nervend sind die hinter solchem Verhalten stehenden Annahmen:

* dass BDSMlerInnen im Allgemeinen leichter (als Vanilla-Leute) für sexuelle Geplänkel zu haben wären (weil wir alle ohnehin permanent spitz* sind?).

* dass BDSMlerInnen nicht großartig umworben werden müssten und dem sozialen Vorspiel mit einem ruppigen „Versohlst du mir den Arsch?“ Genüge getan wäre (weil wir alle ohnehin permanent spitz* sind?).

* dass BDSMlerInnen prinzipiell Swinger wären, allzeit bereit, es in jeder Lebenslage jederzeit mit jedermann/frau zu tun (weil wir alle ohnehin permanent spitz* sind?). *) Wienerisch für „geil“

Diese Annahmen sind, so leid es mir tut, falsch.
Jemanden nach fünf Minuten Bekanntschaft nach einer gemeinsamen Session zu fragen ist aufdringlich, anmaßend, distanz- und taktlos. Und nur weil jemand ähnliche strenge sexuelle Vorlieben hat, muss ich sie nicht gleich auch mit ihm ausleben wollen.

Gerade in der BDSM-Szene, die sich ja als ach so liberal versteht und von gesellschaftlichen Zwängen zur Norm befreit sieht, kommt mit der Verklemmung anscheinend oft auch der Sinn für Anstand – und Abstand – abhanden. Nur weil wir andere, vielleicht intensivere, sicherlich jedoch unüblichere sexuelle Verhaltensweisen praktizieren als der Durchschnittsbürger heißt das noch lange nicht, dass sämtliche sozialen Umgangsformen dieser Durchschnittsbürger antiquiert, reaktionär, überholt oder gar überflüssig wären, im Gegenteil. Schrittweises Vorgehen hat nicht nur beim Anbandeln zwischen Vanillas einen Sinn, sondern durchaus auch dann, wenn es darum geht, auszuloten, ob jemand als Spielpartner für das Ausleben bösartig-quälender Fantasien in Frage kommt oder nicht.


Ja, ich treibe mich in BDSM-Kreisen herum, weil ich dort auf (sexuell) ähnlich gestimmte Menschen zu treffen hoffe. Ja, ich gehe auf Fetisch-Partys, um mit anderen FetischistInnen Spaß zu haben. Ja, es kommt durchaus vor, dass es mich gelüstet, bei diesen Events einschlägig tätig zu werden. Aber nein, Spaß bedeutet nicht zwingend, dass ich bei diesen Gelegenheiten meine Neigungen unbedingt ausleben muss, mit jedem, der sich dafür zur Verfügung stellen würde.

Ich weiß schon, dass es Leute gibt, die jene, mit denen sie spielen, gar nicht so genau kennen wollen. Ganz ehrlich gesagt erscheint mir das merkwürdig, aber es soll sein, wenn es den Beteiligten passt. In der Mehrzahl aller Fälle macht BDSM jedoch mehr Spaß, wenn die Mitspielenden einander ein wenig kennen.

Man stelle sich die Situation zwecks besserem Verständnis mal in Vanilla-Umgebung vor: Du (Frau) lernst in einem Lokal/auf einer Party/wo auch immer jemanden (Mann, Pärchen) kennen, mit dem du dich ein paar Minuten lang gut unterhältst. Plötzlich meint dein Gegenüber: „Komm, lass uns doch ficken!“ – Ich weiß nicht, wie’s euch geht, aber ich fände so was – in der Realität wohlgemerkt, nicht in der Fantasie, wo nur schöne, edle Fremde herumlaufen – übergriffig, unsensibel und – je nach Typ und Art der Äußerung – unter Umständen auch ekelhaft. Warum sollte das in der BDSM-Szene anders sein?


Klar gibt es Ausnahmen. Klar gibt es Typen, die das gern hätten: direkte Anmache, direkter Sex/Session/Spiel. Es soll auch einige Frauen geben, die darauf abfahren. Die meisten Damen belassen den Sex mit einem Unbekannten allerdings lieber im Bereich ihrer feuchten Träume und wünschen sich für den Realsex, sei er nun boshaft, streng oder wie auch immer, zumindest ein paar Eckdaten zu kennen. Ich muss meine Spielpartner nicht heiraten wollen, doch ein wenig Vertrautheit ist Mindestanforderung.

Die Frage nach Sex ist immer ein Grenzübertritt – umso angebrachter wäre es vielleicht, sich zuvor mal ein paar Papiere zu verschaffen und sich darüber zu informieren, in welches Land man einreist.

Himmelherrgottnocheinmal, schließlich ist auch BDSM Sex und damit eine ziemlich innig-persönliche Handlung! Zumindest ist meine Vorstellung von einem befriedigenden BDSM-Leben nicht eine wahllose Kreuz- und Querschlägerei, hoffnungsüberfrachtetes Herumquälen ohne Ansehen der Person, mit der man es zu tun hat, oder das wilde Herumstochern an und in einem Menschen, nur weil er einem grad im BDSM-Kontext mal über den Weg gelaufen ist. Nur weil ich jemanden sympathisch finde, muss ich ihn noch lange nicht quälen wollen. Sympathisch finden ist bloß eine Voraussetzung für Quälerei, aber keine hinreichende.

Welcher Masochist begibt sich schon gern in die Hände einer Herrin, deren Vorlieben und Besessenheiten er nicht kennt, und erteilt ihr eine Generalvollmacht, alles mit ihm zu tun, was sie will? Wer noch alle fünfe beisammen hat, wird dafür eher weniger in Frage kommen. Und auch als dominanter und sadistischer Part will ich jedenfalls zumindest wissen, was mein Gegenüber kickt, damit ich von vorneherein einschätzen kann, ob sich unsere Kicks gut ergänzen und dadurch gegenseitig verstärken können – schließlich will ich auch was davon haben. Wer sich nach Kaviarsegen sehnt, erregt bei mir zum Beispiel allerhöchstens Übelkeit. Wer sich aber bei Nadel- und Flagorgien hemmungslos hingeben kann, könnte auch mich in höhere Sphären verführen... Vorausgesetzt natürlich, die Chemie stimmt. Und das kann halt am besten bei einer behutsamen Annäherung geklärt werden.


Mir persönlich wäre es jedenfalls sehr recht, wenn bei diversen strengen Events nicht mehr so getan würde, als wären wir alle ein großer Swingerclub. Absolut nichts gegen swingen, das hat durchaus seinen Reiz – aber wenn mir nach Swingen ist, geh ich nicht zu einer SM-Party, sondern in ein dementsprechendes Etablissement. Bei strengen Ereignissen würde ich mir etwas respektvollere Umgangsformen wünschen, die irgendwo zwischen den verklemmten Anmachen von Diskobesuchern und dem Schwanz-auf-den-Schenkel-Legen von manchen Swingerclubfreunden liegen. Ich bin überzeugt, dass etwas zeitgerechter, sanfter, einfach taktvoller vorgebrachte Annäherungsversuche auch viel eher fruchten würden. Dann müssten sich die vielen herrinnenlosen Sklaven vielleicht auch nicht mehr so viel über die angebliche Spielunlust sklavenloser Herrinnen beklagen.

Viel Vergnügen!
CaroLine

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