Gib mir Tiernamen


Woran erkennt man eigentlich Paare? Mal abgesehen davon, dass sie sich gelegentlich öffentlich berühren, küssen und Hand in Hand laufen, gibt es da ein ganz typisches Kennzeichen: Sie reden sich gegenseitig mit Kosenamen an. Natürlich steht dabei "Schatz" ganz weit oben auf der Hitliste der meistgebrauchten Lebensabschnitts-partnerschafts-Anreden. Aber auch das Hasi, das Mausi, im Superlativ "Hasimausi", die Bärchen, Fröschlein und Schneckchen gibt's reichlich und öffentlich zu hören.

Merkwürdig genug, dass die allgemeinen Gepflogenheiten in Richtung Verniedlichungs-formen gehen, aber müssen es ausgerechnet auch noch Tiere sein?

Intuitiv wissen wir ja: hier handelt es sich keineswegs um Pet-Player. Die besondere erotische Dimension des Fröscheküssens wäre uns zwar so gerade noch eingängig, (immerhin wird ein Prinz draus!), aber ein geiles Rollenspiel mit einer Schnecke? Nein, also kein Pet-Play. Auch keine Sodomie im fortgeschrittenen Stadium. Nein, ganz normaler Stino-Paaralltag.

Natürlich kennt auch die SM-Gemeinde dieses Phänomen. Aber bei uns klingt es oft anders, wir verniedlichen nicht so. Denn unsere Partner sind neben seiner Rolle als Partner vor allem eines: eindeutige, begehrenswert Sexualobjekte. Ein "Fick mich fester, mein Bärchen!" käme da wirklich dämlich rüber. Während das Vanilla-Paar grundsätzlich keine Mühe hat, sich den hocherotischen Kuschel-Aspekt ihrer Beziehung immer wieder in rosa Sprachwölkchen zu hüllen, hat der Versuch eines kernigen "Bitte mich um Schläge, Schneckchen!" höchstens einen nachhaltigen Effekt auf die Lachmuskeln.

Ja, aber was sagen "wir" denn nun? Süße Schlampe? Sir Dieter? Geiler Bengel? Große Göttin? Tiger? Fummelfrosch? Wie so oft macht der Ton die Musik. Was Außenstehenden mitunter wie Beleidigungen aus der untersten Schublade anmutet, oder wie künstliche Überhöhungen mit extremem Satirencharakter, das kann in unseren Ohren klingen wie Hochzeitsglocken. Ein deftiges, im richtigen Moment geknurrtes "Meine kleine Fickfotze..." bringt so manches Sklavinnen-Herz zum klopfen. Gut so! Wer will schon ein "Hasi" sein, wenn es auch noch den Lustlümmel im Angebot gibt?

Aber es gibt natürlich noch ganz Aspekte der Namensgebung im BDSM-Spektrum: Es gibt eine ganze Reihe von D/s-Beziehungen, in denen der submissive Partner von sei-ner weisungsberechtigten Person einen eigenen, neuen Namen bekommt. Therapeutisch Halbgebildete schreien auf! Kann das gut sein? Lauert da nicht die Entfremdung von der eigenen Persönlichkeit hinter der nächsten Ecke?

Es gibt da eine, die heißt nun "Chienne". Das bedeutet Hündin, aber natürlich auch noch viel mehr: es bedeutet "Ich bin die treue, liebende Dienerin meines Herrn". In einem Dis-kussionsforum wurde sie auf die bodenlose, ehrverletzende Weise hingewiesen, in der dieser Name sie und insbesondere ihr ganzes Geschlecht herabwürdige. Wie man sich nur so nennen lassen könne? Sie sei doch eine intelligente, gebildete Frau? - Ja sicher, und verliebt! Die Manifestation ihrer erotischen, verliebten Persönlichkeit bekommt einen Namen: Chienne... Da ist ein Individuum, das sich nicht mehr anreden läßt mit dem von Elternseite aufgepappten Vornamen (oftmals höchst kreativ den Top Ten der zur Geburtszeit gerade aktuellen Names-Charts entnommen), sondern mit einem Namen, der sie im Innersten beschreibt und anerkennt.

Ein anderes Beispiel: Da gibt es einen Mann, der nennt das Objekt seiner submissiven Begierde "Master". "Wenn ich so was schon höre!" keift es da aus der selbstverständlich genicknamten Anonymität: "Das kann doch nicht gesund sein!" - Gesund? Dieses "Master" ist gewissermaßen die höchste Steigerungsform von "Bärchen", die ich mir denken kann. Und es ist noch viel besser als das: Während das landläufige "Bärchen", abgesehen von dem Focus auf seine reichliche Behaarung und seinen gemütlichen Bauch, nicht mehr Achtung erfährt, als jeder hundsgewöhnliche Hol-dir-dein-Bier-doch-selber-Pantoffelheld, ist "Master" eine respektierte, geliebte Person, die mit klugen Augen über sein ihm anvertrautes menschliches Kuscheltierchen wacht und im Gegenzug nach Strich und Faden von diesem verwöhnt wird.

Dem geliebten Menschen einen besonderen Namen zu geben ist alltäglich, gesund und vollkommen in Ordnung. Es ist Beziehungsnormalität, ganz gleich ob Vanilla oder SMer, Schneckchen oder Sklavine, Fröschlein oder Finsterfürst: Es dokumentiert Vertrautheit, Anerkennung und Liebe. Das sollten wir uns auch in einer Hasi-Mausi-Fröschli-Dutzi-Dutzi-Welt nicht nehmen lassen. Wir sollten es genießen, es kultivieren und frei damit umgehen.

Aber genug jetzt mit der Toleranz. Einen kleinen Seitenhieb kann ich mir doch nicht verkneifen: Ihr gebildeten, selbstbewussten Vanilla-Schwestern, die ihr euch "Mäuschen" nennen lasst und mit Fröschen, Bären und Hasen zusammenlebt - wie könnt ihr nur? Die Verniedlichungsform eines Schädlings als Anrede ist in jedem Fall beschämend, entehrend und im Kern hoffnungslos frauenfeindlich!

...findet Apollonia, die gelegentlich liebevoll von ihrem Lümmel "kleine Herrin" genannt wird und die, wie stets, auf Anregungen, Beschimpfungen und sonstige Beiträge in ihrer Mail gefasst ist.

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