Freud und Leid der Mehrfachsklaverei

"Eine Domina ist umso besser, je mehr Sklaven sie hat." Diese Ansicht habe ich nicht erst einmal gehört. Sie gehört zum traditionellen Aberglaubenfundus der SM-Welt wie die Fee zum Märchen und ist nicht nur unsäglich kurzsichtig, sondern schon fast dumm zu nennen. Wie sollte ein Sklave mehr oder weniger den "Wert" einer Herrin steigern oder mindern? Die "Qualität" einer Herrin hängt wohl viel mehr davon ab, wie kunstvoll, liebevoll, konsequent und qualvoll sie ihre Vorlieben am lebenden Objekt anwendet - und ganz sicher nicht von der Zahl der dazu benützten Sklavensubjekte.


Natürlich sind die Geschmäcker der herrschaftlichen Frauenzimmer gerade auch in Bezug auf die Frage der Vielmännerei verschieden. Nicht bei jeder gehört sie zum Standardrepertoire ihrer erotischen Fantasien. Manche ist mit einem einzigen Exemplar ewig glücklich, manche wechselt ständig, manch eine hält sich neben einem Dauersklaven zwischendurch auch Temporärsklaven und wieder andere sind erst so richtig glücklich, wenn sie über zwei und mehr Geschöpfe gleichzeitig und dauerhaft herrschen. Ja, und? Weder ist das eine besser noch das andere schlechter. Wichtig ist nur, ob die gelebte Konstellation auch den Bedürfnissen aller Beteiligten entspricht. Klar treten bei Mehrsklavenbeziehungen bestimmte Probleme auf, die es in einer Paarkonstellation nicht gibt. Doch mit ein wenig Voraussicht und Grips lässt sich vielen Verwicklungen vorbeugen.


Da wäre zum Beispiel der Anspruch auf "gerechte Verteilung der vorhandenen Ressourcen", kurz gesagt: Gleiche Domina für alle. Dies ist natürlich ein Anspruch, der auf der Realebene den Menschenrechten entstammt, die wiederum in der von der Herrin absolut beherrschten SM-Welt nicht direkt umgesetzt werden können. Was jedoch möglich ist, ist eine möglichst faire Umgangsweise miteinander: klares Spiel, klare Vereinbarungen, klare Absprachen, sodass Enttäuschungen und unerfüllte Wünschen von vorneherein möglichst gering gehalten werden.

Die Regelung, die zum Beispiel der Koran für mehrfache Eheschließungen vorsieht, zeugt übrigens von einem solchen Gerechtigkeitssinn (wirklich gut wäre die Regel natürlich nur, wenn sie vice versa auch für Frauen gelten würde!). Ein moslemischer Mann darf (theoretisch) bis zu vier Frauen ehelichen. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass er alle vier gleich lieben und gleich gut versorgen kann (dies trifft wohl auch meistens bloß in der Theorie zu). Diese Regel lässt sich nun ganz einfach auf die SM-Welt übertragen.

Nur wenn die Herrin davon überzeugt ist, dass sie all ihre Sklaven gleichermaßen "gut" behandeln kann, sollte sie sich mehrere davon zulegen (oder zumindest mögliche Einschränkungen gleich beim Aufnahmegespräch klären). "Gleichermaßen" bedeutet in diesem Fall keineswegs, allen Sklaven die gleiche Behandlung zukommen zu lassen. Das würde weder den Bedürfnissen der Sklaven (ja, ich weiß, dass sie auch welche haben!) noch denen der Herrin gerecht. Es wäre wenig sinnvoll, wenn alle Sklaven zwingend die gleichen Putz-, Massage- oder Freudendienste zu verrichten hätten, denn es geht ja schließlich nicht darum, dass alle dasselbe tun. Es geht darum, alle Sklaven gemäß ihren Neigungen und Eignungen in ähnlichem Ausmaß einzusetzen und damit ihre Erziehung zum perfekten Liebesspielzeug und Diener der Herrin voranzutreiben.


Dies ist natürlich ein Kunststück, dessen Ausgewogenheit täglich aufs Neue auf die Probe gestellt werden muss. Es erfordert eine hingebungsvolle Herrin und selbstverantwortliche Sklaven. Das klingt nur auf den ersten Blick wie ein Widerspruch: Denn nur eine Herrin, die sich wirklich tiefgehend mit dem Wesen ihrer Sklaven auseinandersetzt, wird die richtige Wahl treffen, sowohl bei der Auswahl der Personen als auch in späterer Folge bei der Auswahl der erforderlichen Behandlungen.

Nur ein Sklave, der sich seiner eigenen Verantwortung für den Erfolg seiner Erziehung bewusst ist, wird entsprechend förderlich im System mitwirken. Und wenn seine förderliche Mitwirkung einmal erfordern könnte, eine Unzufriedenheit zu äußern, so hat er dies zu tun und alle daraus resultierenden Konsequenzen auf sich zu nehmen.


Die gewiefte Herrin sollte sich darüberhinaus im Klaren darüber sein, dass es unter Umständen Themen gibt, die nicht mit einmal Reden erledigt sind, sondern die immer wieder in der Erziehung berücksichtigt werden müssen. Eines dieser Themen ist die Eifersucht, vor der manchmal auch die schärfsten SadomasochistInnen nicht gefeit sind. Warum auch? Das Gefühl ist zutiefst menschlich und kann ziemlich unangenehm werden - zwei Voraussetzungen, die es für die SM-Welt wunderbar geeignet machen.

Eifersucht ist ein herrliches, emotionales Werkzeug der Qual, der Erniedrigung, der Demütigung; sie stellt eine dieser urtümlichen Triebkräfte dar, durch die eine SM-Inszenierung plötzlich und unerwartet einen Bogen zur "realen Welt" und völlig realem Herzschmerz schlagen kann. Gerade das macht Eifersucht zum unbestechlichen Maßstab für die Ergebenheit des Sklaven.


Nur der eifersüchtige Sklave kann wahrhaft unter Beweis stellen, dass er seine Herrin wirklich liebt: Indem er nämlich nicht nur all ihre Launen, Neigungen und Einfälle demütig hinnimmt, sondern auch ihr Spiel mit anderen Sklaven aufmerksam und hingebungsvoll verfolgt: Denn ihre Lust ist seine Belohnung, egal mit wem sie sich vergnügt, wo, wie lange und wann, ob vor seinen Augen oder hinter seinem Rücken.

Und wenn er das nicht kann, seine Herrin auch in diesem Punkt über all seine Schmerzen stellen und diese mit Freuden ertragen kann, dann sollte er sich überlegen, ob er für eine Mehrsklavenkonstellation überhaupt geeignet ist.


Sollte sich eine Herrin jedoch dafür entscheiden, sich all diese Komplikationen zu ersparen und ihr Können lieber ausschließlich einem einzigen Sklaven zukommen zu lassen, so ist das einzig und allein ihre freie Wahl und sagt über ihre Qualitäten als Herrin genau null aus. Schließlich hat eine Herrin auch mit einem Exklusivsklaven noch alle Hände voll zu tun. Zum Beispiel, dafür zu sorgen, dass er sich nichts auf seinen Sonderstatus einbildet, sondern seine Aufgabe mit der gebührenden Demut erfüllt. Bei den meisten Dominas stehen die Bewerber nämlich ohnehin Schlange...

Bis bald! CaroLine

Photos: R.Putzker

 

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