Spacer xplore 10 ! 23.7.-25.7.2010
"xplore" ist eine dreitägige (23.-25.7.) Veranstaltung zu Kreativer Sexualität, BDSM, Performance und Ritual in Berlin. Sie bietet über 40 Workshops, Demonstrationen und Performances zu verschiedenen Spielarten und Aspekten von Sexualität. Die xplore geht 2010 ins siebte Jahr und besinnt sich auf ihr ursprüngliches Motto „Die Kunst der Lust“ aber auch die „Lust an der Kunst“. http://www.xplore-berlin.de/

 

 

 

 

LustSchmerz Story

Elementare Gefühle: Eine Story von Uwe Freising

Ich trat gerade aus Joe's Sexshop, als ich sie sah. Es war mir schon etwas peinlich. Ich hatte mir gerade eine Sadomaso Zeitschrift gekauft.

Ich bin sowieso ein sehr schüchterner und introvertierter Mensch. Ich hatte in meinem Leben bisher ungefähr genauso viel Sex wie der Dalai Lama. Nur das ich kein Keuchheitsgelübde abgelegt hatte. Irgendwie kam ich nie zum Zug. Ich bin kein Casanova, aber so übel sehe ich auch wieder nicht aus. Gut, da ist schon ein gewisser Bauchansatz. Aber selbst als ich vorne noch ganz flach war, hatte ich keinen Erfolg. Sicher, da waren Chancen, aber bis ich eine Chance erkannte, war sie vorüber. Ich bin eben ein bißchen langsam beim Denken. Nicht daß sie jetzt denken, ich wäre eine graue Maus, die noch mit vierzig bei Mama wohnt. Ich hatte sogar eine Phase, da zwang ich mich, Mädchen in der Disko anzusprechen. Ich kenne niemanden, der so viele Körbe sammelte. Aber ich hatte auch nur einen Spruch drauf: "Wollen wir tanzen", worauf die Girls regelmäßig mit "Nein" antworteten. Dann verpißte ich mich schnell mit gesenktem Haupt in die entlegene Ecke des Etablissements.

Einmal war ich beim Versuch ein Mädchen anzumachen über eine Stufe gefallen. Ich hatte sie so intensiv fixiert, daß ich die Treppe übersah. Ich purzelte vor ihr auf den Boden. Zum Glück stand sie direkt neben den Toiletten. Also rappelte ich mich wieder hoch und tat so, als wollte ich nur aufs Klo.

Wenn man meine Vorgeschichte kennt, weiß man, daß ich nicht erwartete mehr wie Blickkontakt mit dem entgegenkommenden Mädchen aufzunehmen. Sie war blond mit dunkleren Strähnen. Sie war nicht wirklich schlank, sie schien eine natürliche Veranlagung zur Rubensfigur zu haben, aber offenbar hielt sie Diät. Ihr Bauch war flach, die Hüften üppig und ihre Brüste waren auch nicht gerade die kleinsten. Das dünne weiße Top spannte sich über ihnen. Als wir auf gleicher Höhe waren, schaute sie mich plötzlich an und kam direkt auf mich zu. Mein Herz setzte für einen Augenblick aus. Das muß ein Mißverständnis sein. "Können Sie mir sagen, wo hier die nächste Apotheke ist?" Ah ja, das war es. Da machte ich mir schon wieder Illusionen. Sie wollte gar nichts von mir. Sie wollte nur zu einer Apotheke.

Ich zeigte mit dem Finger in die Richtung aus der sie gerade kam. Sie schien mich nicht zu verstehen. Schließlich bot ich ihr an, sie dorthin zu begleiten. Wir liefen stumm nebeneinander her. Ich überlegte krampfhaft, was man nun sagen könnte. Aber was soll man sagen in so einer Situation? Zum Glück war es nicht weit. Als wir dort ankamen, war die Apotheke geschlossen. Natürlich, es war 19 Uhr, die Apotheke schließt um 18.30. Das hätte ich wissen müssen. Ich erklärte ihr die Sachlage, die sie nicht ganz zu begreifen schien. Sie blieb unschlüssig stehen und schaute mich an. Was sollte ich denn jetzt tun? Ich deutete auf die Nachtglocke. "Wenn's wichtig ist", erklärte ich. "Oh nein, es ist nicht so wichtig. Dann komme ich eben morgen noch mal her", antwortete sie zu meiner tiefen Verwunderung.

Da soll nun ein Mensch eine Frau verstehen. Ich wußte immer noch nicht, was ich sagen sollte und sie sagte auch nichts. Das wurde langsam peinlich. Müßte sie jetzt nicht "Vielen Dank" und "Tschüs" sagen? Das tat sie aber nicht. Statt dessen erzählte sie mir, sie wäre Künstlerin, Malerin um genau zu sein. Was hatte das mit der Apotheke zu tun? Ich war verwirrt. Sie hätte ein Diplom von der Kunstakademie, hörte ich sie sagen. "Das ist interessant", antwortete ich. "Gehen wir einen Kaffee trinken", war ihre Antwort. Diese Worte schlugen bei mir wie ein Blitz ein. "Was malst du denn?" fragte ich sie nervös. Die Bedienung hatte bereits die Bestellung aufgenommen und war wieder verschwunden. Seitdem herrschte Stille. "Alles", war die umfassende Antwort, aber sie wurde mit einem strahlenden Lächeln gegeben. Da sie einsah, daß mich diese Antwort nicht restlos befriedigte, fügte die gnädig hinzu: "Menschen, Tiere, Landschaften, Porträts ... Alles eben."

"Ja, aber welche Stilrichtung? Abstrakt, surrealistisch, oder was?" Ich hatte nicht die geringste Ahnung von Malerei und warf ihr die beiden erstbesten Begriffe hin, die mir in den Sinn kamen. "Ich lasse mich nicht in irgendwelche Kategorien pressen", entgegnete sie mit Nachdruck. Ich wollte mich schon entschuldigen für meine banale Frage, da fuhr sie fort: "Ich bin auf der Suche nach den elementaren Gefühlen. Die will ich auf Leinwand bannen."

"Gefühle? Kann man denn die malen?"

Sie warf mir einen vernichtenden Blick zu.

"Gefühle sind es, die Kunst von Schund unterscheiden. Ohne Gefühle gibt es keine Kunst."

Irgendwie kam das Gespräch nicht vorwärts. Eigentlich wollte ich mit ihr ins Bett und nicht über Kunst debattieren. Aber wäre es nicht unklug nun schon auf dieses Thema zu kommen? Würde die beleidigt sein. Würde sie sich als bloßes Lustobjekt fühlen? "Interessieren dich meine Bilder?"

Ich erschrak, fühlte mich ertappt. "Ja, sicher", versicherte ich ihr lahm.

"Willst du sie mal anschauen?"

"Ja, klar, wenn du mal Zeit hast."

"Wie wäre es mit jetzt?" Sie lächelte mich spöttisch an. Mein Herzschlag begann unangenehm laut zu werden. Hoffentlich hörte sie das nicht. Der Lärm im Café mußte ihn übertönen. Hoffentlich!

"Ah, ich hab' eigentlich nichts vor" antwortete ich ihrem Blick ausweichend. Sie fuhr einen Porsche. Nicht schlecht für eine Malerin. "Du kriegst auch was zu essen", verkündete sie mir mit strahlendem Lächeln, während sie den Wagen Richtung Oststadt lenkte. Eine verdammte gute Wohngegend. Das Auto glitt schnurrend in die Tiefgarageneinfahrt eines noblen Apartmenthauses.

Wir fuhren im Lift in das fünfte Obergeschoß. Dann öffnete sie die Tür zu einer riesigen Penthousewohnung. Allein das Wohnzimmer war größer als meine komplette Wohnung. Meine Schuhe versanken im dicken, lärmschluckenden Teppichboden. Die eine Längsseite des Raumes bestand vollends aus Glas. Eine Wand, die sich aufschieben ließ und so den Weg freimachte auf eine riesige Dachterrasse. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. "Gefällt dir meine bescheidene Behausung?" fragte sie mich voller Spott. Ich nickte nur mit offenem Mund. Irgendwie war mir diese Frau unheimlich. Aber sie war auch äußerst attraktiv. Und ja, ich wollte mit ihr ins Bett. "Wenn du willst kannst du baden. Ich mache uns inzwischen eine Kleinigkeit zu essen." Sie zeigte mir das Badezimmer. Es war größer als mein Wohnzimmer. Die Badewanne war ein riesiger Whirlpool. Sie öffnete den Hahn. Sie hatte es nicht eilig in die Küche zu kommen. Lässig lehnte sie am Türrahmen und schaute mir beim Ausziehen zu. Sie leckte die Lippen, wie ein Kätzchen das tut, voll Vorfreude auf das baldige Mahl. Ich stand nun völlig nackt vor der Wanne. Ihre Blicke erregten mich. Die Wanne war aber noch lange nicht voll. Endlich konnte sie ihren Blick losreißen. Sie löste sich langsam vom Türrahmen und huschte geschmeidig durch die Türöffnung. Im Gehen warf sie aber nochmals einen schnellen, doch intensiven Blick über die Schulter auf ihre Beute.

Ich stieg in das angenehm warme Wasser. Den Kopf ließ ich unter die Wasseroberfläche gleiten bis nur noch der Kopf herausschaute. Das Wasser blubberte und ein Prickeln überlief meine Haut. Ich schloß die Augen. Endlos hätte ich in der Wanne schweben können, doch plötzlich stand sie neben mir und lächelte mich an. "Das Essen ist fertig", hauchte sie. "Ich habe dir eine frisches Handtuch mitgebracht" Ich nickte dankend und stieg aus der blubbernden Flüssigkeit. Sie machte keine Anstalten das Handtuch wegzulegen und zu gehen. Ohne die geringste Verlegenheit ließ sie ihren Blick an meinem Körper hinabgleiten. Ich spürte schon wieder diese Erregung. Dann aber drückte sie mir das Handtuch doch in die Hand und verließ das Badezimmer. "Ich warte auf dich. Beeil dich", rief sie mir über die Schulter zu.

Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, war der Tisch festlich gedeckt. Drei Kerzen brannten in einem dreiarmigen, vergoldeten Kerzenhalter. Das Essen dampfte auf Tellern aus edelstem, weißem Porzellan. Es gab Lachsfilet mit Petersilienkartoffeln in einer Weißweinkremsoße. Neben den Tellern stand jeweils ein gefülltes Glas mit bestem Weißburgunder. Ich glaubte zu träumen. Überwältigt setzte ich mich ihr gegenüber an den Tisch. "Guten Appetit". wünschte sie mir, während sie selbst ihr Besteck in die Hand nahm. Ich murmelte einige beifällige Worte und versuchte in der Folge trotz meines Heißhungers das Essen nicht hinunterzuschlingen. Es wäre schade gewesen. Als Nachtisch folgte schließlich noch eine göttliche Mousse au chocolate. Ich war im siebten Himmel. Jetzt wünschte ich mir nur noch eines. Das Gespräch plätscherte unangestrengt dahin. Der Wein nahm mir etwas von meiner Scheu. Und ich muß eingestehen, ich trank fast die ganze Flasche allein. Sie nippte immer noch an ihrem ersten Glas, da hatte ich schon den letzten Tropfen aus der Flasche in mein Glas geschüttelt. Ich schämte mich etwas. Als Gast sollte man sich doch zurückhalten, aber bei Wein kann ich mich nicht zurückhalten. Ich bin Wein gewohnt. Und drei Gläser, von denen das letzte gar nicht mehr bis zum Rand gefüllt war, werfen mich normalerweise nicht um. Vielleicht war es der Streß, die Angst vor dieser übermächtigen Frau. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß nicht mehr weiß, was passierte nachdem ich das letzte Glas geleert hatte.

Als ich wieder zu mir kam, war ich nackt. Aber das war das wenigste. Ich habe eine exhibitionistische Ader, nackt vor einer Frau zu stehen, erregt mich. Aber ich stand ja nicht, ich hing. An einem Kreuz. Wie dieser Möchtegernmessias. Nur fehlte mir das Leintuch. Und der Dornenkranz. Gut, Nägel bohrten sich auch keine durch meine Gliedmassen. Eigentlich hing ich auch nicht, ich stand gewissermaßen doch. Meine Füße hatten zumindest Kontakt mit dem Fußboden. Aber meine Arme waren gespreizt und an den Enden der horizontalen Latte festgebunden. Festgebunden, oder festgeklebt mit irgendwelchen Kunststoffbändern. Der Raum war winzig, kahl und ohne Fenster, aber über mir brannte eine nackte Glühbirne. Sie stand vor mir mit einem spöttischen Grinsen, ihre Arme in die Hüfte gestützt. Sie ergötzte sich an meinem hilflosen Zustand. Sicher sah ich lächerlich aus.

Sie tätschelte meinen nach vorn gewölbten Bauch. "Ich werde dich malen, aber noch bist du nicht reif. Du bist noch zu wohlgenährt und ..." Sie machte eine Pause und ließ die Hand an meinem Bauch nach unten gleiten. Sie legte sie auf mein schlaffes Glied, das sich sogleich aufzurichten versuchte, aber ohne richtige Kraft auf halbem Weg innehielt. "... auch hier fehlt dir noch der richtige Hunger", beendete sie ihren Satz. Sie lächelte mich sadistisch an, wandte sich um und schritt schnurstracks aus dem Raum. Sie vergaß auch nicht das Licht auszumachen.

Der Tag wurde zum bisher längsten in meinem Leben. Ich fröstelte. Es war kühl in der Kammer. Und ich dachte mit Grauen an Spinnen und anderes Getier, dem ich hilflos ausgesetzt war. Daher war ich dankbar, als nach Stunden der Qual die Tür aufging. Sie knipste das Licht an. Sie war nur sehr sparsam bekleidet. Aber das wenige, das sie anhatte, war erotischer als der vollständig nackte Körper. Sie stand in High Heels und Strapsen vor mir. Über den Strapsen lockte ein Ledertanga und das hauchdünne Top konnte ihre Brüste kaum bändigen.

Sie brachte mir ein Glas Wasser. Ich schluckte die Flüssigkeit gierig. Ich war ihr nicht einmal mehr böse für diese Behandlung. Vielleicht hatte ich es doch verdient. Wenn sie mich nun losband, würde ich mich nicht beschweren. Aber es kam ganz anders. Sie prüfte erneut meinen Bauch und meinen Penis. Dieses Mal fuhr sie zusätzlich noch mit ihren Händen sanft über die Innenseiten meiner Oberschenkel. Ihr Urteil aber war negativ genau wie am Morgen. Das Licht wurde wieder gelöscht, ich war wieder allein. Mein Magen rumorte bedenklich und auch weiter unten fühlte ich großen Hunger. Stunden vergingen qualvoll langsam.

Als sie wiederkam, mußte ich dieselbe Prozedur über mich ergehen lassen, nur daß sie dieses Mal ihren Körper gegen meinen preßte zum Abschied. Wieder ließ sie mich mit meinen Hungergefühlen allein. Akribisch notierte ich mir im Geiste in den folgenden Tagen wie oft sich dieses Ritual wiederholte. Es lag ein bestimmter Rhythmus in ihrem Erscheinen. Ich kam zu dem Schluß, daß sie mich einmal am Morgen und einmal am Abend besuchte. Insgesamt zählte ich vierzehn Begutachtungen. Und die ganze Zeit lebte ich nur von Wasser und Hoffnung. Ihre Berührungen wurden hingegen immer intensiver. Sie schien mich in den Wahnsinn treiben zu wollen. Oder war ich gar schon dem Wahn verfallen?

Am Abend des siebten Tages - wenn meine Berechnungen korrekt waren - machte sie einen Striptease vor meinen Augen, bevor sie mich von oben bis unten mit duftendem Öl massierte. Ich spürte nur noch einen Hunger. Ich glaubte nie mehr etwas essen zu müssen. Es schien so unwesentlich - das Essen. Endlich kam die fünfzehnte Inspektion. jetzt änderte sich das Ritual. Zwar bekam ich zuerst wieder ein Glas Wasser eingeflößt, aber anstatt mich sexuell zu erregen, begann sie nun meinen Sieben-Tage-Bart zu rasieren. Dann wusch sie mich von oben bis unten. Und erneut wurde ich mit duftendem Öl eingerieben. Nun trat sie einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden ihr Werk. "Jetzt endlich kommen die elementaren Gefühle - Hunger und Geschlechtstrieb - in ihrer reinen Form zum Vorschein. Du warst ein hartnäckiger Fall. Jetzt aber bin ich mit dir zufrieden. Die Blockaden sind beseitigt. Ich hole nur noch meine Staffelei." Den ganzen Tag strich ihr Pinsel über die Leinwand. Ich konnte aus meiner qualvollen Position nicht sehen was sie dort schuf, es war mir auch egal. Mir war gar nicht, als würde ich irgendwelche elementare Kräfte spüren, ich spürte überhaupt keine Kraft mehr in mir. Ich war mental und körperlich am Ende. Alles tat mir weh. Der Hunger schmerzte mehr denn je und das sexuelle Verlangen hatte die Grenzen des Natürlichen überschritten. Es mußte Abend geworden sein, ehe die Erleichterung kam. Mein Bewußtsein schaltete sich ab.

Als ich erwachte, lag ich lange orientierungslos auf dem Boden. Farben wirbelten vor meinen Augen. Das Bild war unscharf. Übelkeit stieg in mir hoch, konnte aber niedergekämpft werden. Langsam schärfte sich das Bild. Und mit der Schärfe kam auch das Erinnern. Ich war zuhause. Und doch kam mir jetzt die Tortur zurück in den Sinn. Aber ich war daheim. Ich lag nackt auf dem Schlafzimmerboden neben meinem Bett. Hatte ich alles nur geträumt?

Aber das war dieses irrsinnige Hungergefühl. Mit Mühe kam ich auf die Beine. Schwindel durchflutete meine Sinne. Ich schleppte in die Küche. Der Brotlaib war verschimmelt. Ich torkelte weiter ins Wohnzimmer. Mein Fernseher besitzt Videotext. Der wird mir Aufschluß gewähren. Doch mein Magen belog mich nicht. Es war eine Woche her, seit ich in Joe's Sexshop war. Mein Gesicht war glattrasiert. Und doch das Pornomagazin, das ich bei Joe gekauft hatte, lag aufgeschlagen auf meinem Sofa.

(c) Uwe Freising

 

 
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