Dies und das über D und S


Wisst Ihr noch, liebe Leserinnen und Leser, wie das war, als wir klein waren und unschuldig? Als erste Küsse durch Mark und Bein gingen? Als wir Herzchen in Bäume schnitzten und uns vorstellten, dass der Baum mit ihnen in den Himmel wächst während wir Verliebten erst die Kinder, dann die Enkel hätscheln, auf immer miteinander und glücklich?
Kitschig? Romantisch? Unrealistisch? Hm, vielleicht, aber auch schön und sehr befriedigend und ein Gefühl, das man sicher lebenslang erinnern wird.

Es gibt keine andere Spielart im BDSM, die so viel mit der klassischen romantischen Liebe gemeinsam hat wie D/s. Da wird hemmungslos geliebt, verehrt, sich hingegeben und – Achtung! Jetzt kommt der Pferdefuß: – BESESSEN.

Die Vanilla-Floskel „Das ist mein Mann / meine Frau“ meint im Kontext einer D/s-Beziehung unter Umständen genau das. Es meint eine Form von Bindung, deren immerwährender Charakter von den Partnern erträumt und lustvoll genossen wird. Die Partner genießen die Enge des Besitzens und des Besessenseins als lustvollen Rahmen dessen, was für aufgeklärte gleichberechtigte MitteleuropäerInnen das Teufelswerk schlechthin ist: die Hierarchie.

Werfen wir einen Blick auf die Vielfalt der Vorwürfe, die innige D/s-Paare sich vielfach anhören müssen, dann sticht einer ganz besonders hervor: ABHÄNIGKEIT.
Wenn du dich in die ABHÄNIGKEIT einer HIERARCHISCHEN D/s-Beziehung begibst, dann wirst du dich selbst verlieren, deine Persönlichkeit verleugnen und dich selbst zum Werkzeug eines anderen machen. Das ist zumindest nicht politisch korrekt, im schlimmsten Falle krank.
Da ist er also wieder: der beliebte Vorwurf an uns alle. KRANKHEIT!

Die selbstbewusste Maso-Queen lässt man uns inzwischen ja in aufgeklärten Kreisen durchgehen. Soll sie sich grün und blau prügeln lassen – wenn’s ihr dabei kommt, ist das ja soweit in Ordnung.

Die von ihrem Herrn besessene Geliebte und hingegeben liebende Dienerin hingegen ist vermutlich total unselbstständig, kreuzdämlich, na ja, und eben krank.

Der selbstbewusste Dominakunde, der sich einmal monatlich vor Schmerzen und Geilheit brüllend am Boden windet und anschließend lässig ein paar Scheinchen auf dem Tischchen hinterlässt, wie finden wir den? Ein wenig peinlich, aber nun gut, wir sind ja alle ein bisschen Bluna, nicht wahr?

Aber der liebende, submissive Akademiker, der seiner viel älteren Lebensgefährtin nicht nur seine Schmerzen, nein, auch seine Zukunft und seine Keuschheit zum Geschenk macht – mal ehrlich, der hat sie doch nicht alle! Die einzige Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten ist HÖRIGKEIT. Das ist doch KRANK!

Nein, ist es nicht.
Es ist Liebe. Es ist romantische Liebe in möglicherweise reinster Form. Romeo und Julia starben füreinander. Würde DAS jemand als KRANK bezeichnen?

Das Bewusstsein, nicht ohne den anderen sein zu wollen, ist nicht KRANKHAFTE ABHÄNGIGKEIT – es ist wunderschön. Es bedeutet, nicht allein zu sein. Es bedeutet, im tiefen Inneren des geliebten Partners ein Zuhause gefunden zu haben, sei er oder sie nun BesitzerIn oder BesesseneR. Das Zuhause für den kleinen, unveränderbaren Kern des eigenen Selbst, manche sagen Seele dazu. Nicht mehr und nicht weniger.

Und wer möchte schon auf der Straße leben? Seine gemütlichen Wohnungen und Häuser verlassen und unter den Brücken schlafen?

Na?
fragt: Apollonia

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