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Kürzlich bot eine junge Frau Ihre Wohnung über eine regionale SM Mailingliste zur Vermietung an und schrieb offen und freundlich Telefonnummer, Beschreibung und Strasse dazu. Prima Sache - warum nicht "in den eigenen Reihen" schauen, ob sich auf diesem Wege ein glücklicher Nachmieter finden lässt...
aber mit dem Glück ist das wohl so ein Ding. Als prompte Antwort eines Lesers kam die ernsthaft erschrockene Warnmeldung , dass sie doch mit ihren privaten Daten nicht so unvorsichtig umgehen könne, Einbrecher und Vergewaltiger würden auf Informationen dieser Art nur warten und gar Furchtbares mit ihr anstellen können...
Einige hundert Kilometer weiter gerät ein etablierter Verein ins interne Chaos, da sich an der Gretchenfrage "Wollen wir die SMJG und somit SM Jugendarbeit unterstützen" die Geister scheiden. Ich bin mir sicher, dass kein Gegner dieses Ansinnens sich sein Veto leicht gemacht hat, aber die Gründe dafür liegen in nackter Angst.
Angst die Existenz des Vereins zu gefährden. Angst vor einer Presseschlacht, die SM Jugendarbeit missverstehen und von gefährlichem sexuellem Gebaren mit Minderjährigen berichten könnte. Die mögliche Medienlüge für die Quote beinhaltet Gefahr für SM Initiativen die durch eine solche Geschichte die Arbeit vergangener Jahre geopfert sehen. Und nicht zu vergessen: berechtigte Bedenken einzelner Mitglieder die Befürchtungen um ihre private Situation haben: wie würde sich ein solcher Skandal auf geschiedene Väter und Mütter die um Ihr Sorgerecht bangen auswirken? Wie auf den SMer, den ein solcher Skandal beruflich und gesellschaftlich ruinieren könnte? Wie auf all jene, die viel für die Szene leisten, aber auch viel zu verlieren haben?
Zeitgleich findet eine harte virtuelle Diskussion über "NS Fetisch Uniformen" statt. Sachliche Ratio und tiefes Bauchgefühl prallen aufeinander. Gewaltgegner kämpfen mit harten Bandagen um den Respekt gegenüber Opfern eines grausamen Regimes und implizieren all ihre Ängste über das mögliche Vergessen in die Anschuldigung "rechter Gesinnung". Missverstande Fetischisten und Freigeister pochen über die Grundpfeiler SSC und SM als Abgrenzung zu Realität auf den Respekt gegenüber unzensierten Kinks und wehren sich gegen die Unterstellung Geschichte zu verunglimpfen.
Der Begriff "Toleranz" wird zum Hohnwort der Woche, jeder Einzelne kämpft darum gehört und verstanden zu werden. Doch gegenseitiges Verstehen ohne vorgefertigte Meinung ist unmöglich, die Angst sitzt tief.
In Mainz hat der "Onlinewachhund" Jugendschutz.net schon lange Angst um jugendliche Seelen und deutsche Moral. "Das Internet soll sauber werden" verlangen deshalb die drei Sozialpädagogen mit politischem Halbauftrag und da spätestens seit Erfurt jeder zweite Deutsche die Begründung seiner Angst in gewaltgeprägten Jugendlichen sucht, kann nun leicht reguliert werden was das Zeug hält.
BDSM Webseiten stehen ganz oben auf der Zensurliste für "entwicklungsbeeinträch-tigende und jugendgefährdende Netzinhalte" und die Tugendwächter freuen sich diebisch über die Angst die ihre willkürlichen Anzeigen bei SM Webmastern auslöst.
Die Verantwortlichen von Datenschlag und Lustschmerz haben Angst vor Indizierungen, die aufgrund der erhaltenen Abmahnungen nun im Raum stehen, es beginnt die Abwägung von Möglichkeiten, für welche Inhalte es sich gerichtlich zu streiten lohnt, andere Bilder und Texte verschwinden kommentarlos, denn an eine hilfreiche Unterstützung durch Leser und Nutzer mag keiner so recht glauben. Die Angst ungeklärte finanzielle Unterstützung zu geben ist ebenso groß, wie die Möglichkeit mit realem Namen für die Existenz erreichbarer SM Medien einzutreten dem Einzelnen klein erscheint.
Andere Herausgeber von SM Online Medien haben bereits ihre Erfahrungen mit morgendlichem Polizeibesuch und Rechnerkonfiszierungen gemacht und teures Lehrgeld bezahlt. Dass sie von Vater Staat als kriminelle Söhne und Töchter behandelt wurden, gelangt bewusst nicht an die SM Öffentlichkeit - zu groß ist Ihre Angst dass der geneigte Leser künftig Bedenken bezüglich seiner Daten bekommen und somit als vertrauender Besucher verloren gehen könnte.
Das "BDSM Netzwerk e.V." stellt sich der Szene vor, möchte für eine stärkere überregionale Vernetzung und in die Diskussion mit den öffentlichen Stellen eintreten und bittet um die Unterstützung engagierter Einzelpersonen und SM Initiativen. Das gesellschaftliche Verständnis von BDSM soll durch gemeinsame Kraft verändert und somit auch die rechtliche Situation mitbeeinflusst werden. Die Initiatoren stellen sich freundlich und fundiert den vereinzelten Nachfragen von Befürwortern und Gegnern.
Denn wie nicht anders zu erwarten, überwiegen die Bedenken aus "SM Mitte". "Die demokratische Wahl hätte nicht stattgefunden, ein Auftrag zur Vertretung sadomasochistischer Ansprüche liege nicht vor, wie könne denn bitteschön eine Initiative für alle sprechen, und überhaupt: es gäbe doch nicht einen schlüssigen Grund dafür, dass eine solche Öffentlichkeitsarbeit notwendig wäre, denn schließlich sei ja alles problemlos und die öffentliche Meinung zu BDSM nicht im geringsten ausschlaggebend"...
Die Angst geht um. Angst davor, als Individuum mit eigenen Ansprüchen nicht gesehen zu werden, aber auch davor für diese Ansprüche einzustehen. Die Angst vor dem Unbekannten, vor vermeintlich uneinschätzbaren Konsequenzen, persönlicher und allgemeiner Natur. Zivilcourage kämpft gegen ergebnislose Diskussion der Eventualitäten und manchmal erscheint "die Augen zu verschließen" als erträglichstes aller Mittel. Angst lähmt und beeinträchtigt den wachen Blick für reale Möglichkeiten, während wir darauf warten von außen die Legitimation zu erhalten, die wir uns selbst auszustellen nicht bereit sind.
Vielleicht sollten wir uns die Vertrauensfrage stellen. Nein, nicht "all den anderen"... jeder sich selbst, denn der Weg aus der Angst führt über den Mut des Einzelnen. Über den Mut das stagnierende "Aber..." durch das Vertrauen in eigene und gemeinsame Kräfte und Grundkonsens zu ersetzen. Sich künftig gegenseitig Mut zu machen, anstatt ihn in Frage zu stellen, wäre dann eine Entwicklung, die ihren Namen wirklich verdienen könnte.
Mit dem Finger auch in der eigenen Wunde
grüßt Andrea
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