
Heut schlitz ich dich auf! Mistress CaroLine über Fantasie & Wirklichkeit
Langsam und sanft das Skalpell über helle Sklavenhaut gleiten lassen... dabei zusehen, wie sich auf seinem Weg ein dünner roter Faden an der Haut bildet... sich Tropfen formen... die der Schwerkraft nachgeben und beim Abfließen wunderschöne rote Muster auf dem Sklaven hinterlassen... und dann zudrücken... nicht warten wollen, bis sich aus der hauchdünnen Wunde endlich ein Tropfen Blut ergießt... gleich Blut sehen wollen, viel Blut, fließen soll es, lechz!
Den Knebel auf die Probe stellen... ungehemmt zuschlagen, egal womit, Reitgerte, Rohrstock, Bullwhip... ausholen und durchziehen... voll schnalzen lassen, mit aller Kraft... nicht dieses bremsende Lauschen auf den Sklavenlaut, der anzeigt, ob der Schlag noch geil oder schon weit jenseits davon war... und eines für die blöde Verkäuferin, die ungerührt ihr Telefonat weitergeführt und mich ignoriert hat... und eines für den sabbernden Briefträger, der seinen Blicken in mein Dekollete am liebsten gefolgt wäre... und eines für den Idioten, der mich auf der Autobahn geschnitten hat... und... oh hoppla, war da ein Sklavenhintern drunter...?
Vergewaltigung, Verletzung, Misshandlung... nichts ist weiter weg von sadomasochistischen Spielen als das. Und gleichzeitig liegt nichts näher... Klar, die meisten von uns „eingefleischten“ (Was für ein Wort!) SMlerInnen haben „Safe, sane & consensual“ verinnerlicht. Wir würden unseren Subs nie was antun, ich meine, echt was antun, höchstens den bekannten, vereinbarten Rahmen ein wenig dehnen: behutsam, nachdrücklich oder temperamentvoll, wie die Stimmung eben grad ist, ein bisserl Grenzüberschreiten, ein bisserl Austesten, ein bisserl Zuweitgehen – aber immer kontrolliert, immer ganz bewusst, immer genau achtend auf das Feed-Back aus submissivem Munde (oder Körper). Nicht sehr lustig? Wie man’s nimmt.
Natürlich ist das, was sich in dominanten Köpfen abspielt, mitunter etwas ganz Anderes. Allerdings reden nur die wenigsten Doms offen darüber, dass ihr Herz manchmal gerne ganz wortwörtlich eine Mördergrube wäre. Spuren des „verbotenen“ Innenlebens treten jedoch überall zu Tage, in Fotos, in Geschichten, im Erfolg von diesbezügliche Fantasien anregenden Medien und Websites einschlägiger Art. Und abgesehen davon gehe ich eigentlich grundsätzlich davon aus, dass dominante Menschen sehr weit gehende Wünsche und Ideen haben, auch jenseits szenemoralmäßig erlaubter Grenzen – wozu wären wir sonst dominant? Was würde uns antreiben?
Das verliebte Gedanken-Spielen mit Tabus ist jedoch eine Sache, die Umsetzung derselben in die Realität eine ganz andere. Dazwischen liegt eine ganz dicke Grenze, die aus den Wörtern „safe, sane & consensual“ besteht. Sie macht die Sache aber nur auf den ersten Blick weniger spannend. In Wirklichkeit gibt sie bekanntlich dem SM-Spiel erst den Rahmen, in dem es überhaupt möglich ist und in dem herrische Personen erst sadistischen Einfalls- und Facettenreichtum entwickeln können. In diesem Rahmen kann sich der Sub sozusagen darauf verlassen, dass die Herrin an ihm nur diejenigen ihrer kranken Fantasien austestet, von denen er zumindest mal eine Ahnung gekriegt hat (detailliert wird sie sich wohl vor ihrem Subbie nicht ausschütten). Außerdem ist es natürlich ebenfalls überaus spannend, herauszufinden, wo sich die ssc-Grenze beim jeweiligen Sklaven genau befindet und wie weit sie sich hinausschieben lässt.
(Einschub: Grenzenloses Spiel erscheint mir bei genauerem Hinsehen als das eigentlich Reizlose und Langweilige: Wozu etwas tun, wenn du genau weißt, dass eh alles erlaubt ist? Reizvoll wird ein Spiel doch erst durch das Zusammenwirken mit einem zweiten Ich, das seine eigenen Widerstände und Vorlieben einbringt.)
So lange es dem Fantasten bewusst ist, dass es diesen Rahmen, diese Grenze gibt, ist mir persönlich eigentlich herzlich egal, wovon jemand träumt – auch wenn die konkrete Ausformung des individuellen Traums im ersten Moment vielleicht befremdlich erscheinen mag, weil jemand gegen seinen Willen verletzt, gedemütigt, gefoltert wird. Wer weiß, vielleicht entstehen aus merkwürdigen, unethischen oder grausigen Ideen sogar interessante und brauchbare Anregungen für ein reales Spiel.
Und dann gibt es da natürlich noch jene Art von Fantasien, die ihren Aufenthaltsort in meinem Gehirn nie verlassen werden. Ihr einziger Sinn besteht darin, mich in meinem Innenleben zu unterhalten und dort eine Welt zu erschaffen, in der ich ohne alle Regeln schwelgen kann, in der alles möglich ist, was von „sane“ oder „consensual“ noch nie was gehört hat, und wo überhaupt keine Grenzen gelten, nicht mal meine eigenen. Diese Fantasien würde ich persönlich nicht erzählen, wozu auch? Sie wollen nicht verwirklicht werden – demnach besteht auch keine Notwendigkeit, sie mit irgendjemandem zu teilen.
Mit dem Erzählen von Fantasien ist es ohnehin immer eine schwierige Sache, denn die wenigsten ZuhörerInnen (und auch LeserInnen) können zwischen Fantasie und Wirklichkeit unterscheiden. Von der Veröffentlichung mancher Fantasien würde ich sogar dringend abraten, wenn man ein gewisses Ansehen in der BDSM-Szene aufrechterhalten will. Gemeint sind hier allerdings nicht die blutigen, oberbrutalen, mörderischen – für die gibt es bei fast allen BDSMlerInnen zumindest irgendeine Form von Verständnis oder pseudopsychologischer Rechtfertigung à la: „Der hohe Leistungsdruck in unserer Gesellschaft muss sich ja irgendwo ein Ventil verschaffen, zum Glück spielt sich die Sache ja nur im Kopf ab...“.
Was hier gemeint ist, sind nicht-rollenkonforme Fantasien. Was ist, wenn ein Meister davon träumt, sich endlich mal fallen zu lassen, auch mal Sub sein zu dürfen, sich völlig dem Willen seines Gegenübers hinzugeben? Was, wenn eine Domina die Vergewaltigungsfantasien der Durchschnittsfrau teilt? Oder vom plüschigen Vanillasex mit Vorspiel in der ätherisch geölten Badewanne träumt? Solche Begehrlichkeiten fallen meiner Erfahrung nach auch schon fast unter „Giftschrankfantasie“, zumindest aber unter „Rufselbstmord“ – eine Herrin/ein Meister, die/der solche Bedürfnisse zugeben würde, läuft Gefahr, von mindestens der Hälfte der Szene nicht mehr ernst genommen zu werden, auch wenn sie/er noch so oft darauf hinweist, dass nicht alle Fantasien verwirklicht werden wollen (ganz abgesehen davon, dass man als Dom ohnehin nicht 24 Stunden am Tag dominant sein muss – m. E. reicht es auch vom Beginn einer Session bis zum Schluss derselben). Natürlich hat dieses Phänomen mit dem Charakter der Szene zu tun, nicht mit den Fantasien. Die sind meiner Meinung nach mindestens ebenso in Ordnung wie alle anderen bisher erwähnten.
Wer sich also unnötige Diskussionen und/oder blöde Nachrede ersparen will, sollte sehr genau darauf achten, was er/sie erzählt und wem. Das Schönste an Fantasien – „bösen“ und „erlaubten“ – ist schließlich immer noch, dass sie dir allein gehören, so lange du es willst. Egal, ob dominant oder submissiv. Diesbezüglich sind wir alle gleich.
CaroLine
Die aktuelle Carline Leserpost findet Ihr bei den Leserbriefen ->
|