LustSchmerz Story

Atmen... eine wundervolle Geschichte von Asou

Wieder ein Wochenende. Der Partner ist beruflich unterwegs. Um elf Uhr bist Du immer noch im Morgenmantel und eigentlich müßtest Du einkaufen. Noch schnell einen Kaffee und dazu in der Wochenzeitung schmökern: Ein polnischer Literat schreibt über das Verhältnis zu Deutschen und Russen. Das ist nichts für den Vormittag. Du ziehst los zum Einkaufen in Geismar. Nachmittags packt Dich der Putzteufel. Gottlob, daß es Sidolin für Messing und Edelstahl gibt. In einer Pause fällt Dein Blick auf Deine Hände, die vom Scheuerschwamm angegriffen sind, spröde wie das Herz zur Tageszeit. Eine Fremde unter Fremden. Eine Geheimnisträgerin, eine Nachtkerze. Du verbindest Dir vor dem Spiegel im Flur die Augen, bleibst so lange stehen, um nicht zu sehen, was zu sehen ist.

Vor Deinem inneren Auge nämlich bist Du eine andere. Mal so und mal so. Die Kollegen sehen Dich wieder anders, jeder beachtet nur seinesgleichen. Ein paar Jahre voller Lügen, wer will da die Ausnahme sein. Eine seltsame Müdigkeit befällt Dich, und für Minuten bist Du ohne ersichtlichen Grund tieftraurig, könntest weinen. Du fühlst Dich momentan wie ein See ohne Zulauf, der immer nur Wasser verdunstet. Die Ufer sind inzwischen breiter geworden und jeder Sommer hinterläßt einen krustigen Saum aus kristallinem Salz und Eisen. Du bist das Salz der Erde. Wie Jahresringe sind die Säume angeordnet; jeder kleiner als der vorjährige. In Afrika wurden die Fußspuren eines Erwachsenen und eines Kindes gefunden. Sie gingen dort vor hunderttausenden von Jahren, wahrscheinlich Hand in Hand.

Du schüttelst die süße Melancholie von Dir ab, gehst zur Kommode ins Schlafzimmer, wo Deine Utensilien für besondere Anlässe liegen, ganz hinten verstaut. In einer anderen Ecke liegen Briefe von einem G.C. Den hab ich ganz schön angefacht, geht es Dir durch den Sinn. Ein Buschfeuer. Wie jedes Jahr in Australien? Du weißt es nicht, es ist Dir auch nicht so wichtig. Ein Blick aus dem doppelverglasten Fenster verrät Dir, daß es inzwischen dunkelt. Schnell spielst Du einige Pläne durch. Du könntest Dich aufmachen und in die Stadt fahren, etwas hotten, nach Leuten sehen. Ein planloser Abend verheißt es zu werden. Wenigstens willst Du handeln. Du streichst über den schwarzen Rock und prüfst ein neues Paar Nylons auf ihre Festigkeit. Die Hand im Strumpf spreizt ihre Finger und hält das schwarze Gewebe gegen das Licht. Eine schöne Erfindung. Ehe Du es Dir näher überlegst, hast Du Dich in Schale geworfen. Du hast erfahren, auf welch einfache Reize Männer reagieren und hast es Dir schon zu eigen gemacht, wenn Du etwas willst. Lange stehst Du vor dem Spiegel und schminkst Dein Gesicht. Es macht Dir Spaß. Als Du fertig bist, bist Du Dir gewiß, daß Du so nicht auf die Straße gehen kannst, kalkweiß hast Du Deinen Teint gepudert und kirschrote Lippen mit dem Stift geformt. Du fauchst und zeigst die Krallen, um Deinen Eindruck wiederzugeben: Ein Vamp, ein Raubtier. Du stöckelst in die Küche, um etwas Wasser zu trinken. Härte 5.

Dieser Aufzug ist harmlos; Schmerzen sind harmlos. Was wirklich verletzt sind Träumereien. Sie sind wirkungsvoll, keine Frage, aber unfruchtbar wie die Wüste. Du erinnerst Dich an einen Lehrfilm noch aus der Schulzeit: Die Wüste lebt. Ein einziger Regenguß genügt. Während Deine Rechte das Glas abstellt, kommt die Linke auf der Stuhlkante zwischen Deinen Beinen zu liegen. Du wiegst den Kopf, die Haare sind ein Vorhang. Dir ist jetzt sehr nach Zärtlichkeit, und Du wünschst Dir, daß das Licht erlischt und Du auf einem Männerschoß sitzen kannst. Er soll einfach dasitzen, bekleidet, und Du schlingst Deine Beine um seine Hüften und lehnst die Stirn gegen sein Hemd. So zärtlich wie ein Kind fühlst Du Dich gerade: Genauso harmlos, wortlos, vertrauensselig. Es wäre schön, eine Melodie dabei zu summen. Die Töne mußt Du gar nicht treffen, es geht nur um das Vibrieren im Hals und in der Brust, das sich auf den anderen Körper überträgt. Deine Augen hältst Du nun geschlossen und somit ist auch das Licht erloschen. Deinen Oberkörper wiegst Du leicht, die angedeutet schaukelnden Bewegungen wirken beruhigend, aber auch einschläfernd.

Auf der Stuhlkante streckt Deine Hand ihren Zeigefinger aus, und der streicht angenehm gegen Deinen Slip; genauso angenehm wie die Erinnerung an das sogenannte erste Mal, das gar kein richtiges erste Mal war. Genaugenommen war erst das dritte oder vierte Mal das erste Mal. Du schmunzelst und Vergangenheitsbilder werden lebhaft. Hungrig bist Du immer gewesen, nicht nur beim Essen. Es hält nicht lange vor und nur Katzen und andere Raubtiere können auf Vorrat Schlingen. Das müssen Jäger können, um zu überleben. Wieder erscheint das Bild von den Fußspuren im afrikanischen Grabenbruch. Inzwischen sind die Läufer zum Allesfresser geworden. Was fressen wir inzwischen nicht schon alles, schauderst Du. Und mit Katzendarm nähen wir nur noch Wunden zu. Er löst sich auf in Nichts. Du löst Dich auf; bist in eine Art Trance gefallen, und wie in Meditation läßt Du Bilder kommen, ohne sie festhalten zu müssen. Du klammerst Dich statt dessen fester um den Körper, schließt die Beine ganz eng um seine Taille und spürst Deine Wange an seinem Hemdkragen. Auch das Atmen hörst Du ganz genau. So wirklich, kein Zweifel. Sein Brustkorb hebt und senkt sich in langsamerem Wechsel als Deiner.

Dein Summen ist keine erfundene Melodie, sondern angeboren wie die Ammensprache, säuselnd, mit der Traurigkeit eines Wiegenlieds. Dein Zeigefinger hat sich zwischen Saum und Leiste gezwängt und stößt auf eine liebevolle Körperpartie. Dir ist, als entdecktest Du sie an Dir neu. Deine Fingerspitze vergißt all ihre Fertigkeiten, unschuldig versucht sie nur Deine Lebensenergie im Kreise fließen zu lassen, und wohlige Wärme mach sich breit, strömt bis in Deinen Bauchraum. Es ist dunkel, und Du hättest Dich nicht bemalen müssen. Es ist warm, und darum hättest Du nackt erscheinen können. An diesem Sonnabend hinterläßt Du Deine Fußspuren, Hand in Hand, und vielleicht werden sie in hunderttausend Jahren ebenfalls wieder für eine Sensation sorgen. Und wenn nicht, versteinern sie und werden eins mit der Erde, über die andere hinweglaufen. Deine Schritte sind zahm geworden, Entfernungen wären damit nicht zu überbrücken. Genauso wie Dein wiegender Leib den Sekundentakt der Küchenuhr unmerklich verlangsamt.

Draußen auf der Straße fährt ein Wagen vorbei und sein Scheinwerferlicht dringt durch Deine geschlossenen Lider, wo sie rote Punkte in das Grau der zur Ruhe gekommenen Nervenzellen mischen. Dasselbe Rot wie das Deines Fingernagels, oder Deiner Lippen. Und die Wärme brandet nun in sanften Wellen durch Deinen Körper, Du preßt Deine Oberschenkel in unsichtbarem Zucken zusammen, und Dein Summen wird von stöhnendem Staccato betont. Dein Gegenüber empfängt Deine Lebendigkeit, als wärt ihr soeben gestorben.

(c) Asou

 

 

 

 
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