Anzeigenqual... Erfahrungen einer suchenden Frau


Ein Gastbeitrag von Zarah

So konnte das nicht weiter gehen. Nachdem meine letzte Beziehung über ein Jahr zurücklag, diese sexuell sowieso höchst unbefriedigend war für mich, aber was tut man nicht alles aus Liebe, beschloss ich eine Anzeige aufzugeben.

Es war sowieso aussichtslos tatsächlich "im Leben"einen Dom zu treffen und den Glauben mir einen Dom "heranzüchten" zu können hatte ich schon lange verworfen. Bei Fesselspielen machen sie gerne und äußerst lüstern noch mit, die süßen Vanillamänner, aber sobald man dann sagt "Schatz, pack doch mal fester zu und sei doch mal so richtig böse wie letzte Woche bei dem Typ der dir die Parklücke weggeschnappt hat----kannst mich ruhig mal schlagen", erntet frau nur entsetzte Blicke gepaart mit Verwirrung. " Ich kann dich doch nicht prügeln, ich liebe dich doch". Tja da kann man nichts machen und erklären nützt nichts, wer den Dom nicht in sich spürt ist nicht authentisch und damit eben Vanilla, egal wie hübsch und muskulös und böse aussehend derjenige ist.

Also mußte ein Anzeigentext her. Erst mal eine e-mail Adresse. Devina Dawn. Zu dick aufgetragen? Nein, zeigt eindeutig meine Ausrichtung und dunkel ist ja immer gut.

Junge Frau um die 30 sucht einen gleichaltrigen Mann, der eine selbstbewußte Partnerin zu schätzen weiß und in der Lage ist mental mit der spielerischen Inszenierung eines Machtgefälles umzugehen, ohne die Rollenverteilung auf den Alltag zu projezieren. Ich habe mich gefunden und mag es zart und hart, gehe gerne auch auf SM Partys und steh auf Outfit. Priorität hat aber definitiv ein Zusammenpassen auf menschlicher Ebene.

Ok, schwitz, das wäre geschafft, zeigt zwar nicht soviel Gefühl, aber eigentlich ist es ja auch eine nüchterne Suche, die auf rationaler Ebene Kriterien festlegt und Schlüsselreize abcheckt. Na ob sich so Liebe finden läßt. Denn ich bin tatsächlich noch so naiv zu glauben, das sich SM mit Liebe verbinden läßt. Daß eine Session, die unter dem Aspekt Liebe stattfindet schon fast etwas mystisches haben kann. Und einer schwierigen Forderung des aktiven Parts aus Liebe nachzukommen, z.B. durch eine zärtliche Aufmunterung, kann mehr unter die Haut gehen als 50 Schläge mit der Peitsche. Wer weiß, am Ende bin ich aber auch nicht besser als Vanillafrauen und glaube eben nur an den schwarzen Prinz auf dem schwarzen Pferd satt auf einem Schimmel.

Am nächsten Morgen öffnete ich meine Mailbox und hatte 22 Anschriften. Schreck! Mit soviel Resonanz hatte ich nicht gerechnet. Freudige Erwartung, die sofort verflog nachdem ich die Nicks der Absender überflog. Es wimmelte von Dom soundso, Erzieher xxx, Master- Meister Müller und co. Hilfe wo sind die Männer mit Fantasie und Individualität?

Ich öffnete trotzdem einige der Mails und war ...........sprachlos!

"Hallo meine kleine Stute, erregt es dich im nuttigen Luststutendress als meine Schlampe zur Verfügung zu stehen, ich werde dich als Dreilochstute benutzen"; - ich glaube nein, zumindest an nicht dieser Stelle.
"Hallo Sklavin", - huch die ist doch gar nicht hier,
" einen Sklavenvertrag schicke ich hier nicht mit, das wäre übereilt", - danke -

" aber ich erwarte eine naturdevote Frau, die sich zur Sklavin abrichten läßt, die keine grundsätzliche Abneigung gegenüber Piercing hat, da das als besondere Wertschätzung deines Herren im Rahmen deiner Ausbildung gesehen wird." - Ach, wohl zu oft Geschichte der O gelesen.
" Außerdem hast du mein Sperma in all deine Löcher aufzunehmen und mit Genuß auch zu schlucken."

Das konnte doch nur ein Träumer sein. Welche Frau antwortet bei der ersten Mail auf sowas? Außerdem, hatte der meinen Text nicht gelesen. Beleidigend. Wo war hier die menschliche Ebene, das individuelle Kennen lernen? Das kann nicht ernst gemeint sein. Aber das Nacktfoto im Anhang verjagte die Hoffnung auf einen Fake.

"Ich erwarte deine Bewerbung sofort und mit Bild." Na jetzt mußte ich aber doch lachen, ein Bewerbungsschreiben wie süß. Habe ich das nötig bei 22 Mails täglich? Ist schon eine verkehrte Welt, dass die "Falschversteherdoms" hier Bewerbungsschreiben fordern obwohl sie ja die Bewerber sind.

Eigentlich fand ich das alles gar nicht mehr lustig so reduziert auf den Akt. Zur Ehrenrettung der aktiven Männer finde ich auch einige Mails, die einen gewissen Stil an den Tag legen, die Höflichkeitsformen einhalten und mich als Frau anschreiben und nicht als Objekt. Denn schließlich hatte ich in meiner Anzeige nichts von 24/7 stehen, oder doch? Nein. Aber irgendwie war bei fast 200 Mails am Ende der Woche keiner dabei, bei dem der Funken übergesprungen wäre. Einige sehr nette Männer waren dabei, die vor allem auf Bondage standen und auf eine Frau zum Heiraten. Doch das gibt es, echt. Einige wollten sich nur fallweise treffen, aber mein schwarzer Prinz war nicht dabei.

Ich hatte ja gewußt, Anzeige klappt nicht. Ist doch auch absurd, dass man nachdem man einigermaßen eine Vorstellung vom Aussehen des Anderen hat doch dazu übergeht die Neigungen abzuklopfen. Funktioniert Zuneigung nicht über Mimik, Gestik, Ausstrahlung? Sind es nicht die Seelen, die sich berühren sollen? Gerade in diesem grenzwertigen Bereich des "Sichfallenlassens" und aufgefangen werden, der intensivsten Emotionen die einen fesseln. Ist es nicht eine geheime Chemie, die zwei Menschen zu einer Symbiose führt?

Geht es nicht um die Fähigkeit auch mal den Dom aufzufangen? Ein immer starker Dom wäre übermenschlich und zuerst kommt der Mensch und dann die Rollenvergabe. Schließlich ist eine Beziehung ein Rahmen um loszulassen. Und es ist wunderschön seinen "starken Dom" auch mal zu halten. Das Schöne ist doch gerade die Ambivalenz . Bin ich hoffnungslos verklärt?

Anfangs gebot es mir die Höflichkeit auch den Unmöglichsten ein Antwortschreiben zu senden. Im Verlauf lehnte ich nur noch den "Netten" dankend ab, die wenigstens meinen Text richtig gelesen hatten. Frust. Die Aussichtslosigkeit einen adequaten Partner zu finden überfiel mich. Mich, eine attraktive Sub. Wie erging es nur den sich in der Überzahl befindenden Männern?

Also öffnete ich weiterhin Mails. Aber nur noch die ohne Anhang. Denn zwischen-zeitlich war mein Rechner durch einen Virus lahm gelegt. Das gab mir schon sehr zu denken. 666, die Zeichen des Bösen hatte er nur noch angezeigt. Sehr charmant. Und dann.... meine Ohren spitzten sich, eine Mail, die schon durch den Nick auffiel. Matrix@soulmate!

Ach, gegen einen Keanu hätte ich nichts einzuwenden. Und er traf den richtigen Tonfall. "Hey Baby" ach, ja nenn mich Baby, und es folgte erst mal eine Beschreibung seiner Person, seiner Interessen gemischt mit Hintergründen seiner Neigung und seines "Coming outs ". Wir mailten einige Tage hin und her und er kam himmlisch zarthart rüber. Dann telefonierten wir einige Tage stundenlang. Lachten über unsere anfänglichen Probleme unsere Neigung zu lieben, tauschten unsere Vorstellung von Beziehungen aus, redeten auch über Praktiken, aber erst nachdem wir Bilder getauscht und einige Male telefoniert hatten. War er das, der schwarze Prinz?

Ich gemahnte mich zu atmen. Ruhig bleiben. Aber es fanden Vorgriffe statt. Von beiden Seiten. Im Prinzip hatten wir beide das Gefühl angekommen zu sein und fieberten unserem ersten Treffen entgegen. Dieses fand dann an einem Samstagabend in einer Bar statt. Er in Lederhose und schwarzem Polo, ich in schwarzem Rock und engem Top, das Klischeepärchen. Wir lachten darüber.

Ich fand ihn nicht ganz so attraktiv wie auf dem Foto, am Anfang bin ich schrecklich kleinlich :). Er schien mir sehr begeistert. Sechs Stunden saßen wir in der Bar, Getränkekarte hoch und runter. Und wir redeten uns den Mund fusselig. Ich spürte eine Tendenz mich zu verlieben. Ja doch - ich hatte mich verliebt, ungewöhnlich schnell. Auf jeden Fall etwas anders als sonst. Unglaublich intensiv war es gewesen das erste Mal seine Stimme zu hören. Die Wellenlänge war da, die Stimme sehr angenehm in meinem Körper. Beide hatten wir die Vorstellung vergeistigter Sehnsucht nach Liebe, Leidenschaft, Intensität, im Rahmen einer SM Beziehung mit all ihren Ambivalenzen. Wir hatten in der Vergangenheit oft ein ähnliches Fazit gezogen.

Irgendwann fragte ich ihn, ob er als Dom nicht das Bedürfniss hätte sich auch mal fallen zu lassen. Er verneinte und meinte er ziehe seine Kraft aus der Tatsache, dass Sub butterweich wird in seinen Händen und er alles mit ihr machen kann, dass sie Dinge für ihn tue, über ihren eigenen Schatten springend aus Liebe für ihn.

Ich fand das eine schöne Vorstellung, allerdings dachte ich auch, dass sie es wohl auch für sich tue, aber klar, wenn wirklich Liebe mitspielt wäre es wunderschön. Wir trennten uns dann und verabredeten uns gleich nochmal für Sonntag.

Schon das Gespräch am Morgen war vertraut, die Stimme, jetzt mit einer lebenden Person gefüllt. Ein Gefühl von Vertrautheit und Nähe und Lachen über die Situation am Abend. Einfach einfach. Ich holte ihn dann am Bahnhof ab und nach einem Spaziergang und gegenseitigem Einblicken in den Lebenslauf, Trauriges, Schönes, war es eigentlich so weit, dass der Theorie die Praxis folgen mußte.

Er äußerte plötzlich Bedenken, sagte er wüßte nie wie er einsteigen sollte. Der Dom müßte ja immer "zuerst die Hosen runter lassen", das falle ihm schwer, vor allem, in so einem Zwischenmodus.

Ich verstand nicht was er meinte. Im Prinzip hätte man doch nur erst mal knutschen müssen um zu schauen wie es sich anfühlt und mein Einverständis hatte ich doch gegeben. Man muß ja nicht mit einer fünfstündigen Session einsteigen. Warum konnte er mich nicht einfach an sich drücken?

Also gut wie immer in meiner Vergangenheit als nicht sub bei Vanilla-Männern, ich ergriff die Initiative und wir balgten uns zärtlich ein wenig hin und her. Da fragte er: "Bist du dir sicher über deine Rolle?"
Ich war leicht irritiert, ok, der Dom wollte sich seiner Sub sicher sein. "Ja, ich bin sub". Schon lag ich über seinen Knien. Meine Hände gnadenlos fixiert durch einen harten Griff. Anspannung, endlich, ich war neugierig auf sein böses Gesicht. Die Schläge kamen dann aber enttäuschend kraftlos. Ich provozierte und wurde auch sofort von seinen Knien in Bauchlage katapultiert und gewarnt, dass gleich mein Arsch dran wäre. Ja von mir aus, dachte ich.

Dann hörte ich ihn rascheln und spürte seinen Schwanz in mir. Nein, dachte ich, das alte Vanilla reinraus Spiel, hier stimmte was nicht. Ok, leichte Enttäuschung auf meiner Seite aber emotional war es richtig und da dachte ich, es läuft ja nicht weg, er wird mir sein böses Gesicht schon zeigen. Von wegen, er zog sich irgendwie zurück, blockierte total!

Für mich war eigentlich alles klar also "Was ist los", typische Frage, verstockter Blick, unverständliche Satzfetzen, Bruchstücke einer Erklärung von wegen zu viel Wein, ich verstehe nichts und fühle mich zurückgestossen. Was geht nur ab? Ich beschloß nach Hause zu fahren und sagte noch, dass ich traurig wäre weil ich spüre, dass er sich distanziert und ich nicht wüßte warum. Er sagte, das sei das Letzte was er wolle. "Ok, also was ist los?" Er hätte versucht es mir zu erklären, deswegen die Frage über meine Rolle, ob ich mir sicher sei. Fragezeichen auf meiner Seite.

Mein Satz hätte ihn nicht mehr losgelassen, ob er sich nicht auch mal fallenlassen wolle. Er bräuchte dazu aber eine absolute Frau seines Vertrauens und in mir hätte er das gefunden, er wolle mich als Dom.
Baff! So und schalte da erst mal um. Ein riesengroßer, muskulöser Mann, kann böse schauen, kann gemein sein, ist sicher dominant, nach eigener Aussage. Ich bin neugierig auf seine Handlungen als Top.

Trugschluß! Belogen, betrogen?
Er wollte vor mir knien. Er wollte an mich Verantwortung abgeben.
Schock. Ich wollte das nicht. Ich wollte ihn. Ich wollte ihn dominant!

Und er wollte mich dominant! Eigentlich zum Lachen wegen der Missverständnisse, aber auch zum Weinen wegen der Nähe und der Liebe. Ich war unendlich enttäuscht. War ihm böse, fühle mich benutzt. Einsamkeit riß mich mit trotz oder gerade weil etwas von ihm noch in mir ist, ich spürte es, ganz real, und doch eine Lüge. Schlimmer noch wie immer keine Authentizität im Partner. Oder nur ein minimaler Teil. Denn sein Herz sehnte sich danach die Rollen zu tauschen.

ICH wollte beschützt werden. Ich war doch die Sub. Das war doch klar. Oder wohl nicht? Ich hatte mich verliebt, in einen dominanten Mann, der durch mich seine Ambitionen zur Unterwerfung spürte. Ungläubigkeit über die vielfältigen Möglichkeiten keine Erfüllung zu finden und ein flaues Gefühl im Magen begleiteten mich nach Hause.

Was genau stört mich?
Montag. Ein Gespräch.

Er hätte bei mir plötzlich das Gefühl verspürt die Rollen zu tauschen. Das sei eigentlich ein Kompliment für mich. Das könne er bei sonst keinem Menschen. Das bedeute großes Vertrauen.. Grotesk, wie er selbst sagt.

Er weiß für mich bedeute es ein Schlag ins Gesicht. Er müsse aber jetzt Bottom leben. Eventuell auch aus Perfektionismus. Kompliziert denke ich und verletzend. Warum nur wirke ich immer stark, sogar auf scheinbar dominante Männer? Ich wollte schwach sein dürfen und ich heulte wie ein Schlosshund. Genau so ist das Leben. Ich hatte keine Lust mehr zu suchen und wußte genau, schon morgen würde sie weiter gehen, die Jagd nach Erfüllung. Unsere Wege werden auseinander führen weil beide definitiv sub leben wollen.

Oder hatte ich es mir zu einfach gemacht? Schön bequem war es, nach der anfänglich befremdlichen Entdeckung auf SM Praktiken zu stehen sich schnell wieder in eine sichere Schublade zu stecken. Könnte es nicht seinen Grund haben, dass er bei mir ein dominantes Gesicht sieht?

Könnte ich ein Switch sein? Schön öfter hatte ich die Fantasie, dass ein Mann in Bestrafungsposition und gespreizten Beinen vor mir kniet während ich die Gerte anlege. Ich mußte das Ganze nochmal überdenken, ich brauchte Zeit oder werde ich schon morgen wieder meine Mailbox öffnen? Unglaublich man denkt zu wissen was man erwarten kann und alles wird wieder umgeschmissen und kommt ganz anders. Immer wieder.

Ging es aber nicht genau darum, sich immer wieder selbst zu reflektieren? Ist es nicht gerade diese Vielschichtigkeit der Thematik die mich fasziniert? Ich mußte erst mal schlafen und wollte morgen darüber nachdenken (genau, Scarlett)!

(c) Zarah

 

 
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